Die Agentur (Teil 2 – Raus damit)

Im März 2018 war es soweit. Meine erster echter Beratungstermin bei der Agentur für Arbeit und da werde ich mein Vorhaben Musiker zu werden alleine schon durch die Tatsache zur Welt bringen, dass ich es jemanden erzähle, der mir vollkommen fremd ist, aber dennoch wesentlich dazu beitragen kann, dass das was wird. Was genau, das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht so genau. Aber fragen schadet ja nicht.

Also rein in die Agentur, kurz vor 8 Uhr früh, bereits eine ansehnliche Warteschlange vor dem Einlass. Punkt 8 Uhr öffnen sich die Türen und der Großteil der Wartenden stürmt an die Empfangsschalter. Die restlichen Menschen, die mit bereits vereinbarten Terminen, verteilen sich in dem weitläufigen Gebäude, jeder auf dem Weg zu seinem Wartebereich. Als ich in meinem ankommen, bin ich alleine, weit und breit niemand zu sehen. Aber ich sitze brav vor der mir mitgeteilten Zimmertür und warte. Etwas nervös bin ich schon. Ehrlich gesagt weiss ich gar nicht wie die mir hier helfen könnten. Am Ende werde ich unverrichteter Dinge wieder abziehen und so schlau sein wie vorher. Ich werde auf mich gestellt sein, all das angelesene Wissen über die Veränderungen der Musikindustrie und wie man es heute noch schaffen kann, als Musiker Essen auf den Tisch und ein Dach über dem Kopf her zu bekommen, wird sich im Nebel des gefährlichen Halbwissens auflösen und mein erster Kauf wird ein Hut sein in dem das Kleingeld rein passt solange es noch Bargeld gibt. Tja, und nachdem alle Welt daran arbeitet das Bargeld abzuschaffen, werde ich am Ende für Brot, Aufstrich und einen Becher Kaffee an der Ecke stehen und Sachen spielen bei denen sich mir der Magen umdreht. Oder den vorbeieilenden mitleidig mit halben Ohr zuhörenden im vollen Schritt zur Arbeit eilenden Passanten, die einen richtigen Job haben.

“Herr Purkhart?”. Ich schrecke von meinen düsteren Gedanken hoch. Meine Sachbearbeiterin hat die Tür geöffnet und bittet mich höflich herein. Wahrscheinlich wird sie mir, nachdem ich mit meinen Zukunftsplänen ums Eck gekommen bin auch gleich wieder zeigen, wie man durch die Tür von innen nach aussen kommt.

“Also, Herr Purkhart, wie kann ich Ihnen helfen?”

“Also, äh, ich habe einen zeitlich befristeten Vertrag. Der läuft Ende April aus.”

“Aha, und da lässt sich nichts mit Verlängerung machen?”

“Doch, das hat man mir auch schon mehrfach angeboten. Aber …”. Kurzes Zögern. Komm schon. Raus damit. “Also, ich möchte nicht verlängern. Ich möchte Musiker werden.”

In dem Moment gehen mir tausend Dinge durch den Kopf, die ich auch gleich noch gerne gesagt hätte, um der Dame zu erklären, warum ich das jetzt machen muss. Dass das alles schon seit Jahren in meinem Kopf umher spukt und warum ich glaube, dass das klappen wird. Tausend Möglichkeiten, wie mein Gegenüber nun reagieren könnte. Tausend Varianten, wie ich gleich den Türgriff in die Hand nehmen könnte, um das Kapitel “Die Agentur” mit dem Verlassen des Raumes zu beenden.

Aber es kommt anders, ganz anders.

Ohne auch nur das geringste Anzeichen von Erstaunen kommt: “Sie wollen sich also selbstständig machen und eine berufliche Existenz als Musiker anstreben?”

“Genau”

“Dann schlage ich Ihnen Folgendes vor: Sie bekommen ein Coaching für Existenzgründer. Da arbeiten wir mit einigen Unternehmen zusammen. Die beraten sie dann dabei, wie sie die ersten Hürden nehmen können und helfen Ihnen bei der Erstellung eines Businessplans. Wenn der von einer fachkundigen Stelle als realistisch eingeschätzt wird, können sie bei uns einen Zuschuss zur Existenzgründung beantragen.”

Oh. Ok. Es folgen noch ein paar erläuternde Sätze zum organisatorischen Ablauf, ich bekomme den Gutschein für das Coaching und eine Liste an in Frage kommenden Unternehmen. Ehe ich es mich versehe, stehe ich nach einem freundliche Händeschütteln und um einige Unterlagen reicher wieder vor der Tür.

Oh wow, was war den das gerade eben?

Ich beschliesse, das mit dem Hutkauf erstmal bleiben zu lassen. Vielleicht finde ich mit meinem Coach ja eine andere Lösung.

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