Die Agentur (Teil 1 – Der Gelbe Bereich)

Heute war es soweit. Nachdem ich es bisher nur im Bekannten- und Verwandtenkreis kundgetan habe, wollte ich nun den ersten offiziellen Schritt in Richtung Abenteuer, in Richtung “Ich bin dann mal Musiker” gehen. Mein Arbeitsvertrag als irgendein Manager in irgendeinem großen Unternehmen läuft bald aus und ich will nun endlich wissen wie es sich anfühlt auf die Frage: “Und was machst Du so?” “Ach ich? Ich bin Musiker.” antworten zu können. Irrsinn? Ja klar! Geil? Aber natürlich! Wie es dazu kam bald an anderer Stelle.

Urlaubstag genommen und nun wacker bei “der Agentur” zum Haupteingang rein und schnurstracks zum Infopoint. Heute hab ich mir nicht viel vorgenommen. Ich will erstmal nur wissen, was ich denn für ein Beratungsgespräch so an Unterlagen mitbringen muss und einen Termin vereinbaren. Es soll halt nur ein erster Schritt sein, der für mich den Punkt vom nur drüber reden zum endlich machen bringt.

“Guten Tag!”
“Guten Tag, um was geht es bei Ihnen?”
“Also, äh, mein Arbeitsvertrag läuft bald aus und ich wollte mich erkundigen, ob ich bei Ihnen eine Beratung bekommen kann. Ich möchte mich nämlich selbstständig machen…” Ich wollte noch dranhängen “… als Musiker”. Ich wollte es einmal in der Öffentlichkeit gesagt haben. Einmal mit Leuten hinter mir in der Warteschlange, die trotz des angemahnten Diskretionsabstandes natürlich ihre Ohren bei mir und den weiteren Beratungsschaltern hatten, um zu erfahren, was denn ihre Vorderfrau und ihren Vordermann in diese Institution getrieben hatte.
Aber da kam schon:
“Ihren Personalausweis, bitte” und der Musiker blieb mir im Hals stecken. Na dann halt nicht.
Nachdem ich die Richtigkeit meiner Adresse bestätigt hatte bekam ich prompt einen gelben Zettel in die Hand gedrückt auf dem stand:

Wartebereich EG
gelber Bereich
Erdgeschoss
Bitte folgen Sie der Beschilderung

… und wurde in die beschilderte Richtung geschickt.

“Danke!”
“Bitte! … Der nächste bitte!”

Oh, das ging ja … schnell. Hab ich jetzt schon ein Beratungsgespräch? Ich bin doch erst vor rund drei Minuten zum Haupteingang rein. Na so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Darauf war ich ja überhaupt nicht vorbereitet. Was sag ich denn jetzt? Ich habe ja gar keine Unterlagen dabei. Ich wollte doch erst mal wissen was ich für Unterlagen bringen soll damit ich überhaupt mit jemanden reden darf. Oh Mann!

Da stehe ich nun im gelben Bereich, fast als Plätze besetzt. Ich schaue mich um und finde keinen Kasten an dem man eine Nummer ziehen kann. Aber plötzlich geht hinten rechts eine der unzähligen Türen des Wartebereichs auf und jemand ruft, nicht unfreundlich, aber ansatzweise gehetzt einen Namen in den Raum. Der Rufer weiß nicht recht wie er den Namen aussprechen soll und schaut erwartungsvoll über die langen Sitzreihen der Wartenden, ob sich jemand mit diesem Namen auch identifiziert. Und es steht tatsächlich jemand auf, der aber nicht so genau zu wissen scheint, ob das nun wirklich der eigene Name war oder ob man die Gelegenheit einfach nur beim Schopfe packen und schnell mitgehen sollte bevor es jemand anderes tut.

Auf diese Weise verschwinden für rund 15 Minuten in rasanter Abfolge immer mehr augenscheinlich Beratungswillige aus dem gelben Wartesaal und werden fast zeitgleich von Neuankömmlingen ersetzt.

Gestern habe ich mir Kafkas “Die Verwandlung” als gelbes (woher wusste ich gestern wo ich heute sitze?) kleines Reclamheft gekauft, um mir die auf mich zukommenden Wartezeiten in dafür breitstehenden Warteräumen zu vertreiben. Gregor Samsa wacht bei Kafka eines Tages als ungeheures Ungeziefer auf und ich warte bei “Der Agentur” und will eines Tages als echter Musiker aufwachen. Autsch. Hätte ich mir ein anderes Buch kaufen sollen? Bevor ich den Gedanken aber weiter verfolgen und mich in dem Buch vertiefen kann, geht eine Tür auf und der Name der aufgerufen wird ist eindeutig meiner.

Ganz ohne eine Nummer gezogen zu haben, sitze ich nun in einem Sachbearbeiterzimmer. Gegenüber meiner Sachbearbeiterin sitzt eine weitere, ebenfalls mit einem Beratungswilligen. Na das hatte ich mir aber etwas vertraulicher vorgestellt. Sei’s drum, damit habe ich nun zumindest die Chance, vor drei mir Unbekannten endlich fallen zu lassen, dass ich Musiker werde. Wenn ich mich das selber vor denen sagen höre, wird es auch für mich endlich etwas realer. Denn das laut aussprechen fühlt sich nach wie vor irgendwie unwirklich an.

“Guten Tag!”
“Guten Tag!”
“Wie kann ich Ihnen helfen?”
“Äh, nun, mein Arbeitsvertrag läuft bald aus und …”
“Sie sind sozialversicherungspflichtig angestellt, richtig?”
“Richtig.”
“Seit Ihrem letzten Besuch bei uns im September 2015, wenn ich das den Unterlagen richtig entnehme. Bei welchem Arbeitgeber?”
“Also, bei dem bin ich nicht mehr. Nach ein paar Monaten habe ich gekündigt und bin zu einem Neuen. Da habe ich aber nur einen Zweijahresvertrag und der läuft bald aus.”
“Ach so. Seit wann sind sie denn bei dem jetzigen Arbeitgeber, ungefähr reicht.”
“Na also seit ungefähr zwei Jahren, denn der Vertrag läuft nun ja bald aus.” (s.o.)
“Ah, gut. Dann melde ich Sie Arbeitsuchend, arbeitslos sind Sie ja noch nicht und vielleicht wird Ihr Vertrag ja verlängert.”
“Also, äh, eigentlich will ich den Vertrag ja gar nicht verlängern. Ich wollte mich beraten lassen, wie ich mich selbstständig machen kann als …” Und bevor ich nun endlich Musiker sagen konnte, kam:
“Dann bekommen Sie jetzt erstmal einen Kundennummer von mir und Sie bekommen die Tage Post von uns zwecks eines weiteren Termins.”
“Bekomme ich da dann die Beratung?”
“Ja.”
“Ok, danke. War’s das dann?”
“Ja, das war’s für Erste. Auf Wiedersehen!”
“Danke, äh, auf Wiedersehen!”

Ich stehe vor dem Hauptausgang und drehe mir eine Zigarette, halte den Zettel mit meiner Kundennummer in der Hand und fühle mich irgendwie seltsam. Kein einziges Mal durfte ich von meinem großen Abenteuer erzählen, das mir bevorsteht. Kein einziges Mal konnte ich auch nur das kleine Wort “Musiker” anbringen. Irgendwie frustrierend. Ich wollte es doch endlich mal jemand Wildfremden erzählen, was ich vorhabe. Damit wollte ich es aus meinen Kopf in die Realität holen. Aber nach nur rund 30 Minuten in “Der Agentur” habe ich eine Kundennummer und die Aussicht auf ein Beratungsgespräch. Mehr Realität brauche ich heute nicht mehr. Den Rest des Tages träume ich davon wie es weitergeht.

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